Viele Schweizer sind sich gewohnt, nach Deutschland zu fahren, um beim Einkaufen Geld zu sparen. Einige ziehen gleich ganz ins Nachbarland. Wie zum Beispiel Ursula und Hans-Ulrich Keller. Die Logopädin und der ehemalige Unternehmer wollen in Deutschland ihren Lebensabend verbringen. Das Ehepaar kaufte im Jahr 2012 in der deutschen Grenzgemeinde Dettig­hofen 1250 Quadratmeter Bauland für 95 000 Euro – damals waren das 152 000 Franken. Hier liessen die Kellers ein Haus für rund eine Million Euro bauen. «In un­serem früheren Wohnort Boppelsen ZH lag der Quadratmeterpreis damals bei 1200 Franken. In Dettighofen zahlten wir umgerechnet 122 Franken», sagt Hans-Ulrich Keller.

Kredit für Hausbau in Deutschland: «Möglich, aber schwierig»

Ende 2019 wohnten rund 19000 Schweizer Rentner in Deutschland. Es werden immer mehr. Daten des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigen: Die Zahl der Schweizer AHV-Rentenbezüger in Deutschland stieg von 2010 bis Ende 2018 um fast 40 Prozent. Deutschland ist für Schweizer nach Frankreich das beliebteste Auswanderungsland. 

Schweizer dürfen in EU-Staaten Immobilien erwerben. Schweizer Banken finanzieren aber keine Immobilien im Ausland. Das Ehepaar Keller musste daher sein Haus in Boppelsen verkaufen, um das neue Heim in Dettighofen zu finanzieren. Nach Abzug der Hypothek blieben vom Verkaufsertrag von 1,35 Millionen noch 630 000 Franken. Mit dem ausbezahltem Pensionskassenkapital und dem Verkauf von Land brachten sie fast genug Eigenmittel für den Hausbau zusammen. «Da wir ins Ausland zogen, erhielten wir keinen Steueraufschub für den erneuten Kauf von selbstbewohntem Wohneigentum», erzählt Keller. Sie mussten der Gemeinde Boppelsen daher 100 000 Franken Grundstückgewinnsteuern abliefern. 

Von der deutschen Volksbank Hochrhein erhielten sie für den Hausbau ein Darlehen von 120 000 Euro – keine Selbstverständlichkeit: Denn deutsche Kreditgeber sind zurückhaltend mit der Vergabe von Krediten an Schweizer Rentner. Mario Müller, Leiter des deutschen Hypothekenvermittlers Interhyp in Konstanz, weiss aus Erfahrung: «Als Schweizer Rentner eine Finan­zierung in Deutschland zu erhalten, ist möglich, aber schwierig.» 

Im Juli 2014 zogen Kellers ins fertige Haus ein. Dettighofen liegt an der Grenze und hat rund 1200 Einwohner, 67 davon mit Schweizer Pass. Hans-Ulrich Keller: «Wir fühlen uns in der Gemeinde weit­gehend integriert.» Nach der amt­lichen Prüfung ihrer Finanzen und Versicherungen erhielten Kellers eine Aufenthaltsbewilligung für fünf Jahre. Hans-Ulrich Keller erhält seit 2010 eine AHV-­Rente. Auslandschweizer haben keinen Anspruch auf weitere Leistungen wie Hilflosenentschädigung, Hilfsmittel oder Ergänzungsleistungen. 

Hans-Ulrich Keller weiss, dass die AHV-Rente nach der Pensio­nierung seiner Frau im Juli 2020 auf 3550 Franken steigt. Dazu kommen 1500 Franken Pensionskassenrente. In der Schweiz würden sie mit rund 5000 Franken pro Monat «nicht weit kommen», sagt er. In Deutschland hingegen kommen sie mit den umgerechnet 4500 Euro pro Monat «gut über die Runden». Dies auch deshalb, weil die Lebenshaltungskosten in Deutschland deutlich geringer sind als in der Schweiz. Zum Vergleich: Eine Durchschnittsrente für ein deutsches Rentnerpaar beträgt nur rund 2200 Euro pro Monat. 

Schweizer Rentner, die nur von der Schweiz eine Rente beziehen und in die EU übersiedeln, bleiben grundsätzlich obligatorisch bei der Krankenkasse in der Schweiz gegen Unfall und Krankheit versichert. Sie können sich entweder in Deutschland oder in der Schweiz behandeln lassen. Elisabeth Hostettler vom Schweizer Bundesamt für Sozialversicherungen erklärt: «Im Wohnland Deutschland wird man bei der medizinischen Versorgung gleich behandelt wie Leute, die dort in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind.» Kellers sind bei der Krankenkasse Helsana versichert und gehen in Zürich zum Arzt.

Steuer auf Eigenmietwert und Vermögenssteuer entfallen

Mit einem definitiven Wegzug aus der Schweiz wird das Einkommen und das Vermögen im Ausland ­steuerpflichtig. Zwischen der Schweiz und jedem EU-Land be­stehen Doppelbesteuerungsabkommen. Die Besteuerung richtet sich nach dem jeweiligen Abkommen. Was Kellers freut: In Deutschland müssen sie auf ihrem Haus keinen Eigenmietwert als fiktives Ein­kommen versteuern. Den Zins für ihre restlichen Hypothekarschulden von 70 000 Euro kann das Paar umgekehrt nicht vom steuerbaren Einkommen abziehen. Deutschland kennt keine Vermögenssteuer mehr. Kellers müssen also den Wert ihres Hauses nicht versteuern. 

Kellers zahlen allerdings mit rund 8000 Euro Steuern pro Jahr doppelt so viel, wie sie im steuergünstigen Boppelsen zahlen mussten. Schweizer AHV- und Pensionskassenrenten werden in Deutschland nicht voll besteuert. Bei Kellers unterliegen 60 Prozent der Einkommenssteuer. Der Umzug hat sich für das Ehepaar finanziell gelohnt. 

Hans-Ulrich Keller sagt rück­blickend: «Wir würden wieder nach Deutschland ziehen. Schweizer Rentnern empfehlen wir eine Ansiedlung in der Grenzregion. Hier ticken die Leute etwa gleich wie die Schweizer.»